Leon - Santiago de Compostela - Wandern so lange der Urlaub reicht

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Jakobsweg

22.08.2009 Samstag

22 km / 240 ^ 193 / 07:30 – 13:30 / Leon bis Villar de Mazarife


Ein ruhiges und gemütliches Frühstück gönnen wir uns, wenn wir schon nicht schlafen dürfen. Dann wartet die nächste Etappe auf uns. Am Markt unten treffen wir Resi und Sepp, großes Hallo. Erstmal führt der Weg ca. 8 km durch Stadtgebiet, dabei muss man immer besonders aufpassen, das man den Weg nicht verpasst. Ein Mann – Einheimischer – kommt uns entgegen, höflich wie wir sind grüßen wir natürlich, Buenas Dias. Buenas Dias, Bonjour, Bon Giorno, guten Morgen kommt es zurück. Wir springen gleich auf den Zug mit auf und erfahren, dass dieser Mann "eintausendneunhundertsechzig", in Unterhaching gearbeitet hatte. Nach ca. 10 Min. Gespräch pilgern wir weiter und kommen in das – Paramo - also Ödland, so wird die wunderschöne Gegend zwischen Leon und Astorga genannt, deren Zauber in der Kargheit liegt. Drei km länger ist die empfohlene Route, abseits von der N 120 und führt uns durch die schöne Heidelandschaft. Vereinzelt blühen noch Orchideeen am Wegesrand. Relativ kurz ist die Strecke heute, mir geht es nicht besonders gut, ich werde doch keine Grippe kriegen? Bloß nicht krank werden! Zwei Pilgerfrischlinge treffen wir kurzzeitig – Mädchen aus Österreich -, ab Leon steigen viele „Neue“ in den Camino ein. Villar de Mazarife ist erreicht, drei Herbergen stehen zur Auswahl, wir entscheiden uns für „Jesus“, dort soll ein Pool dabei sein. Leider noch ohne Wasser wie wir feststellen, bleiben tun wir aber doch. Die Gemälde und vielen schönen Sprüche begeistern uns in diesem Quartier, finden ein Doppelzimmer mit großer gemalter Muttergottes, die uns diese Nacht beschützen soll. Um den Innenhof rankt sich ein Balkon, auch hier könnte man beschützt durch ein Vordach, im Freien schlafen. Die Nächte werden aber schon ziemlich kalt. Wir bummeln durch den Ort, einkaufen und selber kochen? Es gäbe zwei Küchen. Nein ich habe keine Lust, bestelle einen Fisch im Restaurante, kriege aber keinen mehr, zu spät gekommen. Resi, Sepp und ihre neue Begleitung sind auch hier, netter Erfahrungsaustausch. Dieser müde Tag geht zu Ende, wir kriechen in die Betten. Gute Nacht.

23.08.2009 Sonntag
27 km / 264 ^ 252 / 07:15 – 15:45 / Villar de Mazarife bis San Justo de la Vega

Gleichzeitig mit uns starten auch Melanie und Dragana aus Österreich, beide haben in der Herberge gegenüber geschlafen. Es entwickeln sich interessante und nette Gespräche, man geht und redet und vergißt die Zeit. Hier gerade richtig, der Weg zieht sich über 1 Stunde lang kerzengerade dahin. In Villavante, dem nächsten Ort nach schon wieder 9 km wollen wir Pause machen. Dragana und ich sind schon weit voraus, wir haben aber noch Blickkontakt mit Melanie und Christa. Unbewußt sind wir einfach unseren Trott gegangen und haben uns immer weiter von den beiden entfernt. Ein Spiegelei wird hier angeboten, da greifen wir gerne zu, Toilette und Pipimachen gehört auch dazu. Wieder einmal müssen wir unser eigenes WC – Papier mitnehmen. Obwohl die Wirtin merkt was hier fehlt, macht sie keine Anstalten den Mangel zu beheben. Auch spanische Pilger die hier zugegen sind, ärgern sich darüber. Auf Trampelpfaden und kleinen Teerstraßen pilgern wir weiter, die Gegend wechselt zwischen kleinen Eichenwäldern und großen Getreidefeldern, wir erreichen Santibanez de Valdeiglesias. Wieder Pause, wir gönnen uns ein Eis und füllen unsere Getränkeflaschen am Brunnen wieder auf. Jeder hat zwei Liter dabei, das ist zwar ein Gewicht, gibt aber Sicherheit. Wir sind aber eher die Ausnahme was die Mitnahme von so viel Flüssigkeit anbelangt. Bei dieser Pause geht es wieder international zu, die beiden Schotten treffen wir wieder, die junge Polin hat sich ihnen angeschlossen, eine Holländerin und zwei junge Deutsche, darunter Max, der immer wieder den Kontakt zu uns sucht und angeregt plaudert. „Es ist sehr teuer auf diesem Weg“ erzählt er uns, „wir werden versuchen gleich zwei Etappen auf einmal zu gehen um dadurch Geld zu sparen“.Man rechne; Übernachtung ca. 5 Euro, Pilgermenü 9 Euro, Frühstück 4 Euro, macht 18 Euro ohne Mittagessen, Getränken und sonstigen Gewohnheiten. Da wir überwiegend Leitungswasser oder Mineralwasser trinken, Mittags so gut wie nie einkehren und auch Abends mal Obst und dergleichen essen, erscheint es uns von den Preisen vertretbar. Junge Leute haben aber sicherlich einen ganz anderen Appetit und eine andere Lebenseinstellung. Gehst du länger, wächst auch der Hunger. Trinkst du am Abend in lustiger Gesellschaft, kommt man in der Früh nicht aus den Federn und verliert somit wieder notwendige Zeit. Ein Teufelskreis. Bis Astorga schaffen wir es heute nicht mehr, das wären noch mal 5 km, Melanie und Dragana sind ja erst in Leon gestartet, noch nicht so eingelaufen wie wir, aber auch wir sind kaputt und quartieren uns in einem Hostal ein. Gegen 18:00 h wollen wir uns wieder treffen zum Abendessen. Überraschung, es gibt kein Restaurant das noch auf hätte, nur Bar`s in denen du nicht einmal einen Snak bekommst, aber eine Unmenge an Erdnussschalen und anderer Dreck auf dem Boden liegt, eine Unsitte die uns nicht nur hier schon aufgefallen ist. Eine schöne S....... Was tun? Wir kaufen Chips, Wurst und etwas Käse haben wir noch und setzen uns auf unseren Balkon. Dieser ist so groß das gerade mal vier Stühle Platz haben. Es sollte gemütlich und lustig werden, keine Spur von Frust, die beiden sind aber auch sehr gut drauf. Wir erzählen gerade die Geschichte von „Schatzilein“ - französicher Jakobusweg – da fällt mein Blick auf ein unter uns gespanntes Kabel. Ich sage zu Christa, „Schatzilein, könnte das deine Unterhose sein, die dort auf dem Kabel hängt?“ Und sie war es tatsächlich! Das Gelächter war groß. Wie bekommen wir das gute Stück da wohl runter? Ich band meine zwei Wanderstöcke zusammen, legte mich auf den Boden des Balkons und erlangte so die optimale Reichweite. Nach Anweisungen von Melanie und Dragana schaffte ich es dann endlich nach guten 5 Minuten das Kabel vom Höschen zu befreien. Christa, die das ganze von unten beobachtete, konnte ihr wichtiges Kleidungsstück dann auffangen. Ein herrliches Abendrot belohnte für die Anstrengung. Übrigends sind gegen 16:30 h die zwei Deutschen, die Schotten und die Polin, an unserem Hostal vorbeigeschlichen, teils in Badelatschen gehend. Von wegen, zwei Etappen auf einmal machen.

24.08.2009 Montag
25 km / 453 ^ 182 / 07:10 – 15:45 / San Justo de la Vega über Astorga bis Rabanal del Camino

Wir warten auf die Ösis, gegen 7:00 h wollten wir weggehen, aber sie kommen nicht, Dragana meint sie sind noch nicht soweit. Überaus langsam, eigentlich schon schleppend bewegen wir uns vorwärts nach Astorga. Die aufgehende Sonne hätte uns eigentlich beflügeln müssen, es war aber nicht so. Für die 5 km benötigen wir 2 Stunden, sowas nervt mich, ich tu mich schwer mit warten, kann mich schlecht umstellen und es ärgert mich auch, dass ich dann so drauf bin. Zwischen Santiago und Finesterre will ich auch mal alleine gehen, den eigenen Rhythmus finden, sehen wie das so ist, schwöre ich mir während dieser Phase. Wir sitzen beim Kaffee und auch jetzt kommen die beiden Maderl nicht vorbei, auf die Christa meiner Meinung nach wartet. Die Catedral de Santa Maria ist ein sehr dominates und imposantes Gebäude, der Palacio Episcopal daneben sieht irgendwie künstlich aus. Er wird auch Gaudipalast genannt aber nicht weil es ein Lustschloss ist oder dergleichen, sondern der Bischof einen Antonio Gaudi mit dem Bau dieses Palastes beauftragte. Eine Deutsche treffen wir hier die ein Foto von uns schießen muss, sie macht keinen fröhlichen Eindruck und erzählt sogar vom Abbrechen des Weges. Nun das würde uns nicht einfallen. Es wird wieder spannend, wir erreichen eine neue Gegend, diese wird hügeliger, es wartet der Cruz de Ferro auf uns. Der Weg zieht sich hoch, man blickt über die Maragateria, auf die Montes de Leon und die Sierra del Teleno, die Augen gewöhnen sich wieder an dreidimensionales Sehen. Ein neu angelegter Waldweg abseits der Straße erfreut uns besonders. Im Maschendrahtzaun neben dem Weg sind unzählige Kreuze von Pilgern eingewoben, mit Ästen, Zweigen, Wurzeln, Gräsern und sonstigen Utensilien. Auch wir gestalten ein Kreuz. Dann haben wir Rabanal del Camino erreicht, hier wollen wir bleiben, Herbergen gibt es genug und wir sind zeitig dran. Wie immer steht erst mal duschen auf dem Programm, dann legen wir uns etwas zur Ruhe um später Kaffee zu trinken, den Ort zu erkunden und halten nach einer Möglichkeit zum Abendessen Ausschau. Vor dem Hause sitzend beobachten wir zwei Hunde, die uns mit einem besonderen Spiel köstlich amüsieren. Sie stehen sich gegenüber, knurren sich an, umkreisen sich, knurren und plötzlich läuft einer der beiden um das in der Nähe stehende Auto, springt in den offenen Kofferraum – Kastenwagen – und bellt wie verrückt nach draussen. Der andere bellt durch die Scheibe hinein. Der Hund kommt wieder aus dem Auto und das Spiel wiederholt sich, bis zu 5 – 6 mal. Der „Autohund“ scheint immer zu sagen, „ätsch hier darfst du nicht rein.“Unterwegs zum Abenessen gesellt sich ein Österreicher zu uns, Karl nennt er sich, wir sind froh uns wieder mit jemanden austauschen zu können. Der heutige Ärger, die Schmerzen bei Christa, das „Genervtsein“ liegen schon lange wieder hinter uns, aber auch das gehört dazu.

25.08.2009 Dienstag
26 km / 548 ^ 1098 / 07:15 – 16:15 / Rabanal del Camino über den Cruz de Ferro bis Molinaseca


Wie immer, ein kurzes Frühstück muss sein bevor wir losgehen, ca. 5 km nach Foncebadon das 300 Meter höher liegt. Eine herrliche Route, die Sonne geht auf, Nebel fällt immer wieder ein, zeigt die Landschaft in sehr fotogenem Licht. Der Steig führt durch grüne Landschaft und ist auch immer wieder bewaldet. Stirnband und Handschuhe können wir auch heute wieder gut gebrauchen. Am Ort schließlich lädt eine Herberge zur Brotzeit ein. Einer frierenden Spanierin geben wir den Tipp, doch Socken als Handschuhe zu benutzen. Nicht nur sie nimmt den Tipp dankend an, bemerken wir beim weiterpilgern. Später als wir sie wiedertreffen, werden wir die „Sock`s“ genannt. Cruz de Ferro, noch eine ¾ Std. dann haben wir das auf einem langen schlanken Eichenpfahl befestigte Eisenkreuz erreicht. Aus einem großen Steinhaufen ragt es heraus, Steine die unzählige Pilger in tausenden von Jahren hierher getragen haben. Für viele Pilger bedeutet das Ritual, hier eine Seelenlast symbolisch ablegen zu können. Leider nimmt es auch Überhand, dass hier so manche allerlei Gerümpel hinterlassen, seien es Zigarettenschachteln, gebrauchte Taschentücher, oder Fanschaals, bis zu zerrissenen Socken. Irgenwie bin ich enttäuscht von dem ganzen, ich habe mir vorgestellt, auf einem Berg mit gutem Ausblick zu stehen, dieser Hügel liegt doch eher in einer bewaldeten Lichtung. Zudem mag auch der Nebel meine Freude getrübt haben, die atemberaubende Aussicht in die Berge der Teleno – in meinem Wanderführer so beschrieben -, hatten wir nicht. Man kann nicht alles haben, tröste ich mich. Der weitere Weg entpuppt sich aber doch noch zu einem Gedicht. In abwechslungsreichen Farben stellt sich die prächtige Landschaft dar. Wir können uns schier nicht sattsehen, zudem läuft Christa heute auch wieder ganz gut. Manjarin, der zum größten Teil verfallene Ort wird in einer halben Stunde erreicht, eine Glocke ertönt, das Refugio von Toma`s lädt ein zum Kaffeetrinken. So manches wird hier angeboten, sogar Übernachten kann man hier, in dieser mit einfachsten Mitteln hergestellten Herberge. Für uns ist es noch nicht soweit, noch einmal geht es hoch auf 1532 Meter, dann beginnt der Abstieg nach Molinaseca, wiederum in traumhafter Landschaft. Und hier ein paar Worte zu den Bikern, es gab natürlich ein paar die den Frieden hier beeinträchtigten. Einige fahren wirklich den kompletten, für Fußgänger angelegten Camino. Diese nehmen auch gefährliche Stellen mit Felsen usw. in Kauf und tragen sogar ihr Rad. Die meißten von ihnen fahren aber den für Radfahrer beschriebenen Weg. Im malerischen und sehr sauberen Ort Riego de Ambros treffen wir Karl, der für diesen Tag schon Schluss macht. Bevor wir die letzten 6 km gehen, nochmal eine Pause mit Eis und kühlen Getränken. Der Weg nach Molinaseca führt an uralten Esskastanien vorbei, den Ort selber betreten wir über eine Brücke. Wo ist die Herberge? Wir sind schon wieder außerhalb des Ortes, stimmt das noch? Ja, endlich, rechter Hand steht eine relativ neu erbaute Herberge, welche sogar vom ZDF besucht und gelobt wurde. Die Zimmer sind auch wirklich sehr geräumig. Atmosphärisch haben wir aber auch schon bessere erlebt. Hier ist es irgenwie anonym, auch wenn wir mit selbternannten „Schreibstubenhengsten“ gut ins Gespräch kommen. Er hat doch tatsächlich drei Wochen vor dem Start neue Schuhe gekauft und bereits bei den eingehversuchen Blasen bekommen. Seine Schuhe sind eher Bergschuhe, also sehr hart, er war aber der Annahme sie würden sich schon weiten. Weit gefehlt, entsprechend sahen auch seine Füße aus. Beim Abziehen des Pflasters ging zudem noch die Haut mit. Was aus ihnen geworden ist – Ehepaar – wissen wir nicht, aber manche Erlebnisse sind schon hart. Bei Christa sind am nächsten Tag juckende Stellen bemerkbar, im gelobten Quartier waren doch nicht etwa Flöhe? Übrigends trafen wir hier und auch sonst immer wieder die Französin, die nach Burgos ein Bild von uns machte und auf mich einen eher verrückten Eindruck machte. Die Bindung zu dieser Person sollte noch sehr herzlich werden.

26.08.2009 Mittwoch
22 km / 258 ^ 326 / 07:20 – 14:30 / Molinaseca über Ponferrada bis Cacabelos


Wiederum erwartet uns ein tolles Wetter beim Weitermarsch. Typisch für uns ist auch, dass wir wieder die längere Strecke bevorzugen, abseits der Straße. Das dieser Umweg landschaftlich nicht so berauschend ist, können wir ja nicht ahnen. So kommen wir durch die Hintertür zur mächtigen Festung Castillo del Temple. 8000 m² ist die Anlage groß, im Innenhof soll sogar ein Fußballplatz sein. In der Basilika „Nuestra Senora de la Encina“ sind viele Leute, auch eine deutschsprachige Führung ist zugegen. Wir geben uns als Landsleute zu erkennen und erfahren so von einer interessanten Geschichte. Eine Mariaskulptur mit Jesuskind wurde in einer hohlen Eiche versteckt, als die Eiche gefällt werden sollte, habe das Jesuskind geschrien, geschehen im 5. Jahrhundert. Seit geraumer Zeit halte ich immer wieder Ausschau noch einer Poststation, ich will endlich meine Filme nach Hause schicken, sie wiegen mehr und mehr. Hier in Ponferrada habe ich aber Pech. Der Weg durch die Stadt ist gut beschildert, wir kommen gut durch, danach führt er uns über Weinberge in ein Wäldchen. Cacabelos erreichen wir schon früh. Für diese Nacht suchen wir ein Hotel, haben wir uns vorgenommen. Im Reiseführer ist auch eines beschrieben, aber wo ist das? Linke Straße rein, das stimmt, dreihundert Meter entlang, - Schritte abgezählt -, hier müßte es sein. Rein zur Polizei, nein hier gibt es kein Hotel ist die Auskunft. Hier hin, dort hin und zurück, dort ist eine Post, schnell hinein und die Filme nach Hause geschickt, wenigstens das ist erledigt. Schließlich finden wir dann doch noch ein Hostal. Eine schwere Geburt. Selber kochen, bzw. Obsttag ist die Devise für den Abend, das heißt einkaufen gehen, die Stadt kennen wir ja mitlerweile. Christa geht links um den Block und ich rechts, plötzlich, wer kommt denn da? Melanie, Karl, Dragana und noch ein paar Pilger. Die Freude ist groß sich hier unverhofft wiederzutreffen. Vorbei ist der Vorsatz für den Abend einzukaufen, wir gehen gemeinsam essen. Es wird ein gemütlicher Abend mit viel Spaß und guter Laune.

27.08.2009 Donnerstag

26 km / 800 ^ 653 / 07:00 – 16:30 / Cacabelos über Villafranca del Bierzo und den Camino Duro bis Vega de Valcarce

Es ist noch relativ dunkel als wir uns auf den Weg machen, wir überschreiten die Brücke des Rio Cua und kommen an der Herberge vorbei, wo unsere Bekannten genächtigt haben. Recht originell, rund um die Kirche sind die 36 Betten in Zellen angerichtet. Die Straße zieht sich einen Hügel hoch und teilt sich dann, rechts durch Weinberge aber eine halbe Stunde länger, oder links die Nationalstraße entlang. Raten sie mal wo wir gegangen sind. Richig und wir haben nichts bereut, ruhig und abgeschieden schlängelte sich der Weg in stetem auf und ab durch die Weinberge, die Sonne ging auf, das Leben erwachte. 7 von 10 Leuten gehen aber doch lieber die kürzeren Strecken haben wir erfahren. Villafranca del Bierzo erreichen wir gegen 9:30 h, Zeit für ein zweites Frühstück. Der Ort besticht mit mächtigen Kirchen und alten Klöstern. Wie wir da so in der Sonne sitzen, sehen wir die Jungen – Schotten, Polin, Deutsche - . Max kommt gleich zu uns und erzählt: „Wir haben heute die Rucksäcke nach O Cebreiro weitergeschickt, so können wir heute mindestens 35 km gehen.“ Wir „Alten“ sind schon 2 1/2 Std. unterwegs und diese Gruppe macht sich gerade auf und will wer weis wie weit laufen. Aber es ist schön die verschiedenen Leute in ihrem Denken und Tun zu beobachten. Und mitzubekommen was sie bewegt, was sie bindet und wie sie erleben und empfinden. Frisch gestärkt pilgern wir dann weiter, der Camino Duro “der harte Weg” wartet auf uns, wieder eine Abzweigung um nicht auf der Straße gehen zu müssen. Dieser führt hoch hinauf, zusätzliche 430 hm, der Blick zurück ist wunderschön. Dann gelangt man in Kastanienwälder, das Grün der Bäume ist faszinierend und dann diese mächtigen Stämme. Allerdings kommt man schon etwas aus der Puste bei diesem steilen Anstieg. Aber es lohnt sich. Der Abstieg ist dann auch wieder recht steil und führt runter nach Trabadelo. Dort kauert am Straßenrand die Polin, fix und fertig. Sie ist mit den Schotten auch den Camino Duro gelaufen, hatten uns überholt, aber auch ohne Rucksack ist die Sache anstrengend und man sollte genügend zu trinken dabei haben. Die beiden Deutschen sind unter rum. In einer Bar tanken wir auf und ziehen weiter. Direkt neben der Straße müssen wir jetzt herlaufen, da die nahe Autobahn scheinbar gesperrt ist, fahren hier Unmengen an Lastkraftwagen. Obwohl ein seperater Gehstreifen geschützt mit einer kleinen Mauer vorhanden ist, haben wir gerade in den Kurven doch ein etwas mulmiges Gefühl. Nach einiger Zeit werden wir wieder von den jungen Pilgern überholt und es sollte die letzte Begegnung mit ihnen gewesen sein. In Vega de Valcarce schließlich finden wir eine Pilgerherberge nachdem wir die erste auf dem Wege verschmäht haben und die nächste geschlossen war. Im Peregrinos do Brasil ist die Teilnahme am Abendessen und Frühstück Pflicht, für uns kein Problem. Es stellt sich heraus das alle sieben Personen deutsch sprechen, auch die Öster- reicherin :-). Die geschäftstüchtige Brasilianerin zaubert uns dann ein Abendessen. Sie hält eine launige deutsche Ansprache und serviert uns dann eine sehr leckere Vorspeise. Die Hauptmahlzeit aber war etwas dürftig. Wir sitzen alle im Freien um einen runden Tisch und lernen dabei den Radlpilger Thomas etwas besser kennen. Er ist mit einer Gruppe von Le Puy aus gestartet. Für die Gruppe war in Burgos Schluß, er als Leiter fährt weiter und erkundigt nun die Strecke bis Santiago, auf Übernachtungsmöglichkeiten und so. Unser Verdacht bestätigt sich später, Thomas ist evangelischer Seelsorger. In der Nacht bemerkt Christa eine Maus im Zimmer behält ihr Geheimnis aber für sich um keine Hysterie aufkommen zu lassen.


28.08.2009 Freitag
26 km / 1050 ^ 402 / 07:30 – 16:15 / Vega de Valcarca über O Cebreiro und Alto do Poio bis Fonfria

Der Morgen beginnt mit einem Geburtstagsständchen, Christa hat Geburtstag und ich hatte am Abend vorher gepetzt. Thomas ist deshalb extra 1 Stunde früher als geplant aus den Federn gekrochen, Danke. Happy Birstay Christa, wünscht auch die Herbergsmutter die schon das Frühstück bereitet hat. Jeder zieht daraufhin wieder seine Bahnen, Thomas sehen wir natürlich nicht mehr, wir haben aber seine E-mail Adresse. Heute sind sehr viele Pilger unterwegs, der Weg ist aber auch zu schön und der O Cebreiro ist sowieso ein großer Ausflugspunkt. Wir sind in Galizien, seit ein paar Tagen hatte sich die Gegend, die Landschaft sehr zu ihrem Gunsten gewandelt. Alles wurde grüner, Bäume und Wälder spenden Schatten, das auf und ab löst das Monotone ab und die Wege sind angenehmer, nicht mehr nur die breiten Schotterpisten. Natürlich tummeln sich hier auch vermehrt die Radler, die schon mal nerven. Der Grenzstein von Galizien zeigt auch an, dass wir nur noch 152,5 km bis Santiago haben. Diese Kilometerangaben sollen wir nun alle ½ km haben. O Cebreiro, dieses keltische Vorzeigedorf mit den typischen Pallozas – runde fensterlose Steinhäuser mit Strohdächern –, ist erreicht. Während des Aufstiegs begeisterte uns immer wieder die zunehmende Fernsicht. Kuhscheisse und entgegenkommende Schafherden haben uns nicht weiter gestört, sowas gehört hier einfach dazu. Wir bleiben nicht lange in diesem Ort, zu groß ist uns der Rummel hier. In etwa einer Stunde erreichen wir die Passhöhe San Roque, rechts der Straße stemmt sich ein bronzener Pilger gegen den Wind. Fußpilger, Radlpilger und auch Autotouristen scharen sich um die Figur zum Bildermachen. Danach ist uns aber überhaupt nicht, wir legen uns ins Gras gegenüber der Straße, essen etwas und genießen die Ruhe. Ein simpler hölzerner Strommasten fasziniert mich, ich gucke zu wie die Wolken über die Leitung fliegen und erfreue mich an dieser Ruhe hier. Noch ein Pass ist zu erklimmen, der Alto do Poio, das letzte Stück entpuppt sich als ganz schön steil, oben gibt es noch mal ein kühles Getränk, dann auf zur Herbergssuche. In Fonfria werden wir fündig, wir leisten uns ein Doppelzimmer, das zwar hellhörig sein sollte, aber sehr gemütlich eingerichtet ist. Wir checken ein, dazu müssen wir unsere Ausweise herzeigen, beim Studium von Christas Ausweis beginnt der Hospitalero plötzlich ein Geburtstagslied zu singen. Mit dieser Aufmerksamkeit haben wir nicht gerechnet und es sollte noch so weitergehen. Ungefähr 30 Leute sitzen beim Abendessen an einer großen Tafel, nach der Nachspeise erlischt plötzlich das Licht, die Herbergsmama kommt mit einer Santiagotorte mit Kerze auf Christa zu und Torsten stimmt auf seiner Gitarre ein Lied an. Alle singen mit, klatschen und wünschen alles Gute. Später sitzen wir mit Dragana, Melanie, Karl und anderen gemütlich beisammen. Ja und das die Libido durch Pilgerstrapatzen nicht auszuschalten sind, hören wir später durch die dünnen Wände.

29.08.2009 Samstag
20 km / 248 ^ 984 / 07:45 – 14:00 / Fonfria über Triacastela bis Samos


Zu lange gefeiert gestern? Trotz gutem Frühstück kommt Christa heute nur schwer in die Gänge. Der Abstieg ist traumhaft, wie ein Riesensee liegt noch Nebel im Tal und die Hügel gegenüber werden immer wieder weißgrau überzogen. Später tauchen wir dann in den Nebel ein, der immer wieder von der stärker werdenden Sonne durchbrochen wird. Vor Triacastela ist dann die berühmte über 100 Jahre alte Kastanie zu bewundern. An einer Gaststätte trifft sich wieder alles zur Pause und ein paar neue Pilger gesellen sich dazu. Melanie hatte sich unterwegs angeschlossen und uns bis hierher begleitet, da Dragana mit Torsten schon voraus geeilt war. Melanie ist nicht gerade glücklich darüber, alleine hinterherlaufen zu müssen. Draganas Situation ist ähnlich wie meine, warten zu müssen auf den Partner. Dies gelingt manchmal gut, manchmal weniger gut. Aber, wir sind gemeinsam losgegangen und wollen auch gemeinsam ankommen. Der Weg teilt sich wieder einmal, wir gehen die Variante über Samos weiter, dieses Stück soll das schönere sein, steht in unserem Reiseführer. Christa hat heute verstärkte Probleme mit ihrer Hornhaut-blase, leider hatte sie keine Möglichkeit dies mit den Trekkingsandalen zu überbrücken, der Riemen ging genau über diese Stelle. Ich gehe langsam und versuche meine Gedanken auf andere Dinge zu lenken was mit einigermaßen gelingt. Heute ist Samstag und ich brauche unbedingt wieder Filme, ob es in Samos welche gibt? Morgen werden in Sarria die Geschäfte geschlossen sein, dröhnt es in meinem Kopf. Der Weg dorthin verläuft erst parallel zur Landstraße, später dann pilgern wir schön im Walde, begleitet vom Rio Oribio. Schon um 14:00 h ist Samos erreicht, hier bleiben oder weitergehen? Zuerst suchen wir Geschäfte auf, „wir haben keinen Diafilm“ heißt es zweimal. Christa sieht sich schon genötigt weitergehen zu müssen. Da kommt Karl, der auch ein Geschäft sucht und uns mitteilt, er bleibe hier. Für mich war Karl in diesem Moment der hl. Jakobus, der zu mir sagt: „So bleibt doch auch hier“. Um 16:00 h wird im Kloster erst aufgemacht, die Rucksäcke stellen sich wiedermal an, wir geniessen erst noch einen Kaffee. Dann spazieren wir mit Karl um die mächtigen Mauern des Klosters und kommen uns wieder ein Stückchen näher. Beim Abendessen gesellt sich der Radfahrer Rannertshauser aus Freising zu uns, er kennt Radler Thomas – der Seelsorger -, ja die Welt ist klein. Alle geben nette Geschichten zum besten, es wird abgewogen was schöner ist, zu Fuß oder per Rad. Das Ergebnis ist immer das gleiche, jeder muss selber wissen was er tut und seines in vollen Zügen genießen. Die Herberge mit 80 Plätzen wird bis zum Abend voll, es läuft in etwa so ab wie schon in Roncesvalles. Die Duschen sind allerdings etwas sanierungsbedürftig. Ein Gottesdienst am Abend findet leider nicht statt, zu gerne hätten wir den gregorianischen Gesängen gelauscht. Die Messe ist wohl der Hochzeit am Nachmittag zum Opfer gefallen. Beim Pipigang in der Nacht sehe ich doch glatt eine Pilgerin auf einer Matratze schlafend am Boden liegen. Mitten im Raum der Duschen und Toiletten, bei durchgehender Beleuchtung. War ihr das Geschnarche zu groß? Ich weis nicht was für mich unangenehmer gewesen wäre.


30.08.2009 Sonntag
25 km / 585 ^ 436 / 06:45 – 15 :45 / Samos über Sarria bis Morgade


Neblig und kalt ist es beim weggehen und auch noch finster. Die Unruhe in der Herberge, viele stehen schon sehr früh auf, haben auch uns bewogen schon loszugehen. Der Weg führt sowieso auf der einzigen Teerstraße weiter, ein Verlaufen ist also keine Gefahr meinen wir. Handschuhe und Stirnband erfüllen wieder einmal ihren Dienst. Diese ständige Teerstraße finden wir gar nicht schön, der Verkehr nimmt ständig zu. Der Nebel tut ein übriges, die Beschilderung ist auch noch schlecht. Promt verlaufen wir uns noch kurz, als wir über Nebenwege weiter wollen. Ein kaltes Frühstück heitert uns auch nicht besonders auf, aber wir müssen etwas in den Magen bekommen. Sarria, auch das wird erstmal umzingelt, bevor wir hineinfinden. Geradeaus, so einfach wäre es gewesen, aber wenn der Wurm drin ist, ist er drin. Eine Tankstelle, mit Toilette, Gott sei`s gedankt. Von hier finden wir dann zurück auf den Pilgerweg. Endlich ein Cafe, herzlich willkommen, auch andere noch fremde Pilger nützen dieses Geschenk. Sarria ist ca. 100 km von Santiago entfernt, um die Compostella zu bekommen, muss man diese Entfernung zu Fuß zurücklegen. Ein Grund dafür, dass hier viele Pilger starten, es wird noch voller. Mit den „neuen“ Pilgern kommt kein großes Gespräch auf, sie sind noch scheu. Ich nutze die Pause und suche einen Laden. Tatsächlich, nicht weit entfernt hat ein Geschäft sogar Diafilme. Aber so groß überrascht darüber bin ich gar nicht. Gestern schon überkam mich die Gewissheit, der Wunsch nach meinen Filmen wird sich erfüllen. Nichts nach Gedei und Verderb erzwingen, sondern zulassen und die Früchte sehen, ist eines der Geheimnisse auf dem Jakobsweg. Die weitere Strecke ist wunderschön, der selbstgemachte Ärger ist wieder verraucht. Christa öffnet ihre sehr schmerzhafte Blase welche sich immer wieder füllt. Der Weiterweg ist ein landschaftliches Paradies. Saftige Weiden und immer wieder schattige Eichenwälder mit uralten Bäumen wechseln sich ab. Dazwischen passieren wir immer wieder Weiler, deren Bar`s zum Trinken einladen. In Morgade schließlich haben wir genug für heute, die Übernachtung mit 6 Betten haben wir gut gewählt. Zwei gesetztere Damen, noch bekannt vom Cafe in Sarria, gesellen sich dazu. Es sind Schwestern, noch zwei etwas jüngere Pilgerinnen kommen dazu, auch Schwestern. Diese sind verärgert und auch traurig, da sich ihre 15 Mann starke Truppe aus Mangel an Quartieren zerschlagen hat. Die beiden, etwas mit Blasen geplagt, mußten hier absteigen, andere werden noch kilometerweit weiterlaufen. Ob sie sich wiedertreffen? Das gebotene Pilgermenü schmeckt so gut wie es aussieht.


31.08.2009 Montag
22 km / 532 ^ 514 / 06:45 – 14:45 / Mogade über Portomarin bis Hospital de la Cruz

Wir gehen mit Stirnlampe los, bei dieser Holperstrecke ist dies nicht so gut, das werden wir nicht mehr machen. Man richtet nicht viel aus damit, die Konzentration richtet sich auf den Weg, man kommt eher langsam vorwärts, es ist zwar schön wenn der Tag erwacht, aber das gleiche hat man wenn man bei der Dämmerung aufbricht. Nach ca. eineinhalb Stunden finden wir ein gemütliches Cafe mit toller Terasse. Pilger die wir noch nicht gesehen haben laufen vorbei, fragen ob wir diese oder jene gesehen hätten, scheinbar gehören die zur Gruppe der beiden Schwestern, die sich gestern notgedrungen verloren haben. Einige Geschichten kursieren so auf dem Jakobsweg, die neugierig machen auf die Personen die dahinterstecken. So machte gestern die Geschichte von „Dominik der Blasenpapst“ die Runde. Ein junger Mann der sich scheinbar jeder „Wasserblase“ annimmt und somit immer erst als letzter loskommt. Die Geplagten, überwiegend Damen, sind ihm natürlich sehr dankbar. Viele neue Gesichter sehen wir auch auf dem Weiterweg, die Personen die nicht grüßen, sind in der Regel Neueinsteiger, bei der dritten oder vierten Begegnung erwidern sie dann zaghaft unsere Grüße. Diese müssen erst lernen mit sich und den Leuten zurechtzukommen. Irgendwie fühl ich mich heute, trotz der vielen Leute einsam. Die Strecke ist kurzweilig, am Vormittag kommen wir gut voran. Dann erreichen wir die Brücke die über den Rio Mino führt. Durch diesen, im Jahre 1956 aufgestauten Fluss, mußte die Stadt neu aufgebaut werden, historische Gebäude wie die Kirchen San Pedro und San Nicolas baute man tatsächlich Stein für Stein ab und an erhöhter Stelle wieder auf. Auch der Weiterweg ist schön, aber die Blase an Christas Fuß macht große Sorgen. Zwischendurch retten wir zwei deutsche Pilgerinnen vor dem Verlaufen, zu tief waren sie ins Gespräch versunken. Viele Hunde gibt es hier, ein noch junger Hund will sich anschließen, wir können ihn aber nicht gebrauchen. Lange und einsam schlängelt sich der Weg durch die Landschaft, etliche Kühe weiden auf den saftigen Wiesen. Wir erreichen Hospital da Cruz und freuen uns, nach längerem suchen die Pilgerherberge am Ende des Ortes zu finden. Es sind noch Betten frei, Bekannte aber überhaupt nicht zu sehen. Nicht ein deutschprachiger sollte heute mit uns übernachten. Wir haben Zeit, gönnen uns einen Kaffee und ein Eis, die Wäsche wird schnell trocken und kann bald von der Leine genommen werden. Es gibt einen Überzug für Matratze und Kissen, dies scheint in Galizien zum Standard zu gehören. Immer mehr Herbergen bieten dies an. Wohl eine Erfahrung aufgrund von Ungeziefern, die diese Massen an Leuten schnell verbreiten. Der Wirt macht einen kranken Eindruck oder er hat schon längere Zeit nicht mehr geschlafen. Wir schlafen gut, stehen aber wieder früh auf. Zuviele marschieren schon in der Nacht wieder weiter und erzeugen dabei doch einigen Lärm beim Aufstehen.


01.09.2009 Dienstag
29 km / 455 ^ 694 / 07:30 – 15:30 / Hospidal de la Cruz bis Melide

Frühstück, wir haben und nehmen uns die Zeit dafür, sofern es die Räumlichkeiten zulassen. Es dämmert als wir um 7:30 h die Herberge verlassen. Es geht erst ein kleines Stück zurück, hoch zur Überführung der Staatsstraße. Ein stetes auf und ab erwartet uns heute auf der mit Pilgerherbergen gespickten Strecke. Neben dem Weg wachsen Heidekräuter und es sind auch die ersten Eukalyptusbäume zu sehen. Am Vormittag ist es relativ kühl, erst gegen Mittag soll es wärmer werden. Pause auf einer gemütlichen Bank einer noch geschlossenen Herberge, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Weitermarsch, der Weg zieht sich den Berg hoch, ein stämmiger Pilger mit lichtem Haar holt uns ein, es ist Alex. Auch von ihm war in Abendgesprächen schon die Rede, er gehörte zu der 15 Mann Gruppe. Schnell sind wir im Gespräch und er zieht uns mit seiner Dynamik mit, er gibt uns wieder neuen Schwung, der uns auf dieser doch relativ langen Strecke heute gut tut. Geburtstags E-mail`s von den Kindern und Arbeitskollegen geben das Gefühl noch nicht vergessen zu sein, von den Lieben zu Hause. Ich habe heute Geburtstag, in der Früh hat Christa im Dunkeln schon Blumen für mich gepflückt, trotzdem auch einiges Gras dabei war, hat mich das sehr gefreut. In die Bar „die zwei Deutschen“ gehen wir nicht, sie kommt uns etwas zu früh. Eine deutsche Pilgerin meinte später, sie wäre nicht zufrieden mit dem Service gewesen. Im Schatten alter Bäume pilgern wir weiter nach Casanova, durchqueren später Leboreiro und erreichen schließlich auf ungemütlichen Pflasterstraßen Melide. In einer riesigen Halle werden gerade Container für Pilger aufgestellt, 2010 ist wieder ein heiliges Jahr, hier laufen schon die Vorbereitungen für diesen „Run“. In unserem Container befinden sich ca. 14 Stockbetten und dementsprechend Sanitärräume, wobei alles sehr sauber ist. Die zwei jungen Schwestern sind wieder da, eine gelockte Deutsche, „Dominik den Blasenpabst“ lernen wir kennen und zwei weitere deutsche Pilger, darunter auch „Morphium-Toni“. Dieser Name braucht eine Erklärung; Toni ist mal an einem Tag über 70 km gegangen, auf die Frage wie man das aushalte, soll die Antwort gewesen sein, «mit Morphium geht das schon». Pilgerlatein, das so über verschiedene Personen zusammengetragen wurde. Die Wahrheit ist, er habe ein Präparat dabei, das etwas Morphium enthält. Langes suchen nach einem geeigneten Gasthaus, schließlich werden wir doch fündig und essen Fisch. Wir liegen schon in den Betten, da gegenüber, wer ist denn das? Tatsächlich die „Homöopatin“ mit weiblicher französischer Begleitung aus der hellhörigen Nacht. Groß ist die Freude über unser Wiedersehen, das muß doch einfach geknipst werden. Die Homöopatin ist die aufgedrehte Französin, die wir schon oft getroffen haben. Sie klagte über Muskelschmerzen, Christa gab den Tipp doch Arnika zu nehmen. Sie, die laut eigener Aussage eben Homöopatin ist, habe daran selber nicht gedacht.


02.09.2009 Mittwoch
33 km / 696 ^ 849 / 07:45 – 16:15 / Melide bis Pedrouzo-Arca

Alle halben km stehen Steinmarterl die angeben wie weit es noch bis Santiago ist. Irgendwann wollen wir sie nicht mehr sehen, sie sagen nämlich auch, ach Gott, noch 18 oder 15 oder 12 km, bis zum heutigen Ziel. Heute ist die Strecke wieder ungünstig zum einteilen, von Arzua weg sind noch 18 km zu laufen, ohne das eine Herberge kommt. Also Kraft und Kondition gut einteilen und zur rechten Zeit Pause machen. Der Weg an sich ist wieder wunderschön, die Landschaft auch, aber es pfeifft heute ein kräftiger, relativ kalter Wind. Mir geht es heute nicht besonders gut, friere, ich werde doch kein Fieber bekommen und krank werden. Das ginge mir gerade noch ab, davor habe ich direkt etwas Bammel. Wieder lernen wir einen deutschen Pilger kennen, ein Berliner ist es, er hat etwas auf dem Weg verloren, meint er. Muss scheinbar etwas wertvolles für ihn sein, er ist extra von Finisterre zurückgefahren und läuft diesen Abschnitt nun noch einmal. Wieder sind wir froh im Sog eines Pilgers mitgezogen zu werden. Es lenkt auch von meinen Krankheitsgedanken etwas ab. Eine deutsche Pilgerin überholen wir, die gute Frau geht etwas langsamer als wir normal, auch Christa ist froh keine Rücksicht auf sie nehmen zu müssen, sondern zügig vorbeiziehen zu können. In der Stadt Arzúa halten wir uns nicht lange auf, genügend zum Essen haben wir auch noch, also kein Einkauf. Vorwiegend auf unbefestigten Wegen geht es über flaches Gelände, herrliche alte Eichen wechseln sich mit den immer häufiger werdenden Eukalyptusplantagen ab. Diese verbreiten einen überwältigenden Geruch. Der Camino schlängelt sich durch verwinkelte Gassen der einzelnen Weiler die wir durchschreiten. Immer wieder stehen Cruceiros am Pilgerweg, hohe Steinkreuze die auf der einen Seite den Gekreuzigten Heiland zeigen, auf der anderen Seite die Gottesmutter Maria. Zwei Frauen kommen aus einer Bar am Wegrand, wollen die so weitergehen? Das ist kein Gehen sondern Humpeln in höchster Vollendung. Aber die beiden lachen und sind überaus gutgelaunt. Die beiden jungen Schwestern mit ihren paar Blasen sollten sich an diesen beiden ein Beispiel nehmen. Pause, wir setzen uns auf eine Mauer - Bänke sind zu sehen – hinter der Schafe weiden. Die scheinen mehr Hunger zu haben als ich, aber ein bischen muss ich essen und vor allem trinken. Die Schafe kommen immer näher und freuen sich über ein paar Äpfel. Hier ist es etwas Windgeschützt, der Wind zehrt einen aus. St. Irene scheint etwas abseits des Weges zu liegen, die Herberge an der Straße gefällt uns nicht, wir gehen weiter. Durch schönen Wald führt der Weg bergab bis nach Pedrouzo, wo wir gleich am Ortsanfang das dortige Hotel ansteuern. Gut so, wir sind beide kaputt. Das Abendessen schmeckt sehr fein und ist recht üppig. Auch ich habe wieder richtig Appetit. Wenn das kein gutes Zeichen ist.


03.09.2009 Donnerstag

21 km / 464 ^ 471 / 07:45 – 14:00 / Pedrouzo-Arca bis Santiago


Wir haben hervorragend geschlafen, keine Frühaufsteher, keine Schnarcher. Entspannt sitzen wir beim Frühstück, auch andere Pilger sitzen hier, sie gehören einer geführten Gruppe an, erfahren wir später von zwei Frauen die doch recht gesprächig sind. Meist bleiben solche Leute eher unter sich, knüpfen wenig Kontakte. Im Ort noch kurz einkaufen - bis Santiago kommt sonst nichts mehr -, dann machen wir uns auf das letzte Stück Weg nach Santiago de Compostela. Der Camino zeigt sich noch einmal von der ruhigen ländlichen Seite und wird beherrscht von Eukalyptuswäldern. Ein junger Spanier begrüßt uns beim vorbeigehen, er spricht gut deutsch, hat eine Freundin in Nürnberg. Laute Motorengeräusche lassen den nahen Flughafen erahnen, den wir weitläufig umgehen müssen. Dann wird das Einzugsgebiet der Stadt und Monte do Gozo erreicht. Letzteres ist heute eine riesige Ferienanlage mit Jugendherbergen, Hotels und Campingplatz, das in den heiligen Jahren bis zu 800 Pilger aufnehmen kann. Einige Pilger gehen gezielt bis Monte do Gozo und übernachten hier, um am nächsten Tag als große Gruppe einmarschieren zu können. Auch die beiden jungen Schwestern haben es so eingerichtet. Sind das wirklich die Kirchtürme von Santiago? Wir glauben es noch nicht. Auch das Stadtschild „Santiago“ kann Christa nicht davon überzeugen, tatsächlich schon hier zu sein. Häuser reihen sich an Häuser, nochmal eine große Straße – die Porta do Camino – überquert, dann sind wir in der Altstadt. Es ist gut beschildert, wir haben vor zur Kathedrale zu gehen und erst dann ein Quartier zu suchen. Plötzlich werden wir aufgehalten, eine Frau bietet ein Zimmer an. Abwehrhaltung, dann langsames vortasten, erkunden nach dem Preis, schließlich sind wir überzeugt und quartieren uns doch gleich ein. Das haben wir gut gemacht, die Stadt ist proppevoll, die Herbergen überfüllt und unser Schlafgemach liegt in einer Seitengasse, etwas abseits vom nächtlichen Lärm. Duschen, umziehen und auf zur Kathedrale. Unwahrscheinlich dieser Anblick, wir sind da, haben es geschafft, in 34 Wandertagen die 795 km zurückgelegt. Dann sitzen, stehen, liegen wir vor der Kathedrale, ein paar Tränen laufen über meine Wangen, ich bin gerührt. Wir sind tatsächlich hier, was haben wir alles erlebt, zusammen, gemeinsam mit eigener Kraft. Ich bin stolz. Christa ist noch nicht ganz hier, zu plötzlich ging das an diesem Tag, sie war überrascht, dachte es geht noch weiter. Sicher ist auch bei ihr die Freude groß, aber sie kann noch nicht loslassen, die Spannung ist noch zu groß. Ca. 45 Minuten stehen wir beim Pilgerbüro an, um unser Credencial abzuholen, dabei finden wir einen verlorenen Ausweis auf dem Fußboden. Hoffentlich hat die Pilgerin den Verlust rechtzeitig bemerkt. Die Zeit des Anstehens wird aber nicht langweilig, viele freudige bekannte Gesichter lachen uns an, gratulieren und erzählen so manche Geschichte. Heute Abend gibt es Pizza und Salat, einen nächtlichen Bummel durch die Stadt und eine unruhige Nacht. Bekannte quartiersuchende deutsche Pilger haben wir auch hier in unsere „Wohngemeinschaft“ vermittelt, darunter die beiden jungen Schwestern, „Dominik den „Blasenpapst“, Günther und „Morphium-Toni“. Die jungen Leute haben natürlich ausgiebig gefeiert und es krachen lassen. Immer wieder sperrt sich einer aus und muss klingeln, dann leutet das Telefon, das Zimmer wird verwechselt und so weiter. Aber was soll`s.


04.09.2009 Freitag
Santiago / Santiago / Santiago / Santiago / Santiago

Irgendwann stehen wir auf, einen Tag wollen wir in Santiago bleiben, die Stadt noch mal genießen und natürlich auch den Pilgergottesdienst besuchen, welcher täglich um 12:00 Uhr stattfindet. Erstmal suchen wir uns ein gemütliches Cafe, die Auswahl ist groß, aber draußen sitzen kann man um diese Zeit noch nicht. Am Vormittag wird gewerkelt und geschuftet, die Bar`s, Lokale und Restaurantes werden beliefert um für die Nacht wieder gerüstet zu sein. Ein heilloses durcheinander mit Autos, Lieferwagen und Pilgern in den engen verwinkelten Gassen. Wieviele Ansichtskarten brauchen wir? Wir kaufen mal eine größere Stückzahl ein und beginnen zu schreiben – es ist wichtig Adressen mitzunehmen - sollte jemand die Idee haben und sich auch auf den Weg machen. Auch E-mails verlassen Santiago und suchen die Handy`s von lieben Bekannten. Dann wird es Zeit, sich in der Kathedrale einen guten Platz zu suchen. Vom Gottesdienst selber sind wir beide ein wenig enttäuscht, sicherlich verstehen wir nicht was die Geistlichen sagen, aber uns ist es etwas zu monoton. Begeistert sind wir von der klaren Stimme der Sängerin und besonders vom geschwungenen Weihrauchkessel. Gigantisch, welche Wucht und Kraft hinter dieser Aktion steckt, da wird auch das riesige Ausmaß der Kathedrale deutlich. Bei der Messe störend empfand ich auch, das ständige kommen und gehen von vielen vielen Touristen. Anschließend liegen wir vor der Kathedrale in der Sonne und beobachten das Treiben. Ständig kommen neue Pilger, manche werden beklatscht, die Freude und Begeisterung bei den Menschen ist spürbar. Nadja treffen wir wieder, Helmut und seine Frau und auch viele anderssprachige Bekannte. Helmut hat ein veilchenblaues Auge, beim abholen der Credencial sei er über eine Stufe gestolpert, schildert er sein Mißgeschick. Im großen Torbogen wird gute Musik gemacht – Künstler sind natürlich auch in Santiago vertreten -, die Dämmerung gibt der Stadt ein besonderes Flair. Wir suchen ein Lokal und werden bei einem Chinesen fündig. Der „Essentreff “ mit anderen lief irgendwie schief, macht aber nichts. In den Gassen zieht es, mich fröstelt es, mir ist ganz komisch und bin froh bald im Warmen zu sitzen. Die Nacht wird wieder unruhig, es geht wohl jede Nacht die Post ab in Santiago. Es kommen ja täglich neue Pilger, die ihrer Freude dann freien Lauf lassen. Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich sagen „armes Santiago“.

05.09.2009 Samstag
22 km / 588 ^ 672 / 08:00 – 15:00 / Santiago bis Negreira

Wir gehen weiter, noch 93 km bis ans Ende der Welt, nach Fisterra oder Finisterre, schon noch mal eine Herausforderung, zumal es sehr wenige Übernachtungen gibt und somit zwei Streckenabschnitte mit über 34 km zu bewältigen sind. DerTag erwacht als wir losmarschieren, Frühstück ist gemacht, zwar wieder ohne Tee, da wie so oft keine Töpfe in den Küchen vorhanden sind. Die Stadt ist schnell verlassen, die Markierung bald wieder deutlich vorhanden. Der Weg schlängelt sich durch ein Wäldchen, steigt dann an und gibt einen wunderbaren Blick zurück auf die Kathedrale frei. Dann verschwindet man in urwüchsiger Natur, welche nur von vereinzelten Weilern unterbrochen wird. Ich habe mich auf den Weiterweg gefreut und wollte auch elanvoll beginnen, die Natur verstärkte noch meine Wanderfreude. Christa aber hatte in Santiago schon irgendwie abgeschlossen, ihr Körper – auch der Geist? - ist schon herruntergefahren und kommt nur überaus schwer wieder auf Touren. Wieder einmal kreisen Gedanken durch mein Gehirn die sagen: „Morgen gehe ich alleine, Christa kann mit dem Taxi oder einem Bus ein Stück vorfahren, dann ist die Strecke nicht zu lange für sie“. Zunächst aber machen wir das beste aus diesem Tag. Ein Mann mit zwei Hunden steht vor uns, wir, die ja auch die Hunde begrüßen, kommen mit ihm Dank der Hunde ins Gespräch. Wir erfahren, er hätte 28 Jahre in Hamburg gearbeitet. „Auf der linken Straßenseite soll man gehen, sonst ist man nicht versichert“, erklärt er weiter und; „passt auf eure Rucksäcke auf, vor ein paar Tagen wurden hier in dieser Gegend welche gestohlen“. Eine Bar mit sonniger Terrasse, direkt an einem malerischen Bach - der Rio Tambre - lädt uns ein zu verweilen. Hier sitzt auch die gelockte Deutsche, entgegen unserer Gewohnheit essen wir sogar zu Mittag. Die Speisen serviert ein junger deutscher Mann. Aufgrund einer Sehnenscheidenentzündung macht er hier vier Tage Pause und bedient nebenbei. Negreira erreichen wir nach einer weiteren Stunde. Den Tipp des „Hundeführes“ folgend, suchen wir gleich das Hotel Tamara auf und laufen nicht ans andere Ende der Stadt zur Pilgerherberge, die wahrscheinlich schon voll ist. Fünf andere Damen sind auch hier, aber nicht gesprächig. Wir beschließen einen Obsttag zu machen und kaufen dementsprechend ein. Mit vollen Plastiktüten kehren wir ins Hotel zurück. Ich weihe Christa in meinen Plan ein, morgen alleine loszugehen. Wir legen fest, dass sie ca. 17 km mit Taxi oder Bus bis Santa Marina fährt und von dort die restlichen 17 km pilgert. Sie ist einverstanden mit meinem Vorschlag. Da wir nur über einen Wanderführer verfügen, schreibe ich mir die wichtigsten Merkmale heraus. Wir schlafen gut, was nach den Nächten in Santiago auch kein Wunder ist.

06.09.2009 Sonntag
34 km / 784 ^ 677 / 08:00 – 16:15 / Negreira bis Olveiroa


Ab 7:00 h Frühstück, wir sind zeitig da, der Ober aber wohl noch nicht voll in der Höhe. Die Verständigung läßt auch zu wünschen übrig. Wir wollen doch nach einem Taxi fragen, als dann aber auch noch die anderen Damen zum Frühstück erscheinen und der Ober einen ziemlich überforderten Eindruck macht, verlassen wir das Hotel ohne zu fragen. Gegenüber ist eine Tankstelle, hier könnten wir doch.. Nein, Christa will nicht, „wir kommen schon noch irgendwo vorbei“ meint sie. Mir schwant übles. Entgegen unserer Abmachung will sie doch die ganze Strecke laufen, interpretriere ich für mich und bin entsprechend aufgelegt. Der Ort liegt bald hinter uns, wie vermutet kam keine Gelegenheit mehr, eine Fahrmöglichkeit aufzutreiben. Ich gehe hinter ihr her, vorauslaufen will ich nicht. Auch wenn sie mich immer wieder dazu auffordert. „Freilich, ich werde dich diese lange Strecke alleine hinter mir lassen, das kommt nicht in Frage“, erwidere ich. Zudem läuft Christa heute wesentlich schneller als gestern, so das ich alleine auch nicht unbedingt schneller laufen würde. Um mein Gemüt zu beruhigen, komme ich auf eine etwas verrückte Idee. Ich übernehme die Rolle von Christas Schutzengel, der wohlwollend hinter ihr herschwebt, der genervte Franz läuft hingegen schon weit voraus. Das hört sich dann so an, wenn Christa mich was fragt: „Aber Erdenbürgerin, da muß ich erst den Franz fragen, warte ein bischen, ich bin gleich wieder zurück“... „ja, er meint auch das dieser Weg wunderschön ist“. Diese Ablenkung funktioniert, ich fühle mich gut und habe meinen Spass daran. Die ersten 3 Stunden laufen wir großartig, dann wird es Zeit für eine Brotzeit mitten in der Pampa. Unsere Rucksäcke dienen als Sitze. Traumhaft schön sind die ruhigen Pisten und Pfade die sich durch das hügelige Hinterland und die Hochebenen ziehen. Vorbei am Monte Aro, mit 556 hm der höchste Berg hier, sehen wir bald darauf Wasser schimmern. Nein, das Meer kann es noch nicht sein, ein Blick in die Karte zeigt, es ist der Fervenza-Stausee. Am Ortseingang von Olveiroa schließlich, führt uns ein gut beschildertes Sträßchen zur Herberge, welche schon gut voll ist. Zwei Betten sind noch frei, wir ziehen es aber vor, im ehemaligen Pferdeschuppen zu schlafen, wo ebenfalls überziehbare Matratzen auf uns warten. Den doch etwas strengen Geruch hatten wir anfangs etwas unterschätzt. Eine nahe Bar bietet kühle Getränke und Eis an, wir können nicht wiederstehen. Lebhafte Unterhaltung sorgt für kurzweil, wir lernen Pilger kennen die über die Via de la Plata nach Santiago gepilgert sind, soll sehr toll sein, aber anstrengend, heiß und einsam. Die Herbergen wären dort nicht so dicht wie auf dem „normalen“ Camino. Das Abendessen ist einfach Klasse, wir sind wieder froher Stimmung, der Schutzengel hatte gut für Franzens Frau gesorgt. Das das letzte Stück auch gemeinsam gelaufen wird, ist wohl klar.


07.09.2009 Montag
32 km / 638 ^ 883 / 07:30 – 16:00 / Olveiroa bis Fisterra

In der Nacht haben uns einige Mücken geplagt, wir sind froh aufstehen zu dürfen. Endlich das Meer sehen, wir können es kaum erwarten, das Wetter ist wie schon die ganzen Pilgertage über vom feinsten. Die Luftfeuchtigkeit hat aber sehr zu- genommen. Man merkt es daran, dass die Kleidung nicht mehr so schnell trocken wird. Auf den Trümmern der alten Steinbrücke überqueren wir einen Bach, steigen den malerischen Weg hoch nach Hospital. Dunkle Wolken werden von der stetig wärmer werdenden Sonne angeleuchtet und färben sich dadurch lila und rot. Bald ist die alte Eisenfabrik passiert, die letzte Bar vor Cees – 15 km – ignorieren wir, es ist viel genug im Rucksack. Die Strecke entlang an Ginsterbüschen, kargen Bäumen und robuster Heidelandschaft, verdient den Begriff „Traumhaft“. Der Weg, die Sonne und der Wind verlangen uns heute aber einiges ab. Zwei Wallfahrtsbrunnen passieren wir, einer wurde erst vor 5 Jahren angelegt. Der Tag ist gut gewählt, morgen ist ein Wallfahrtstag zu der heiligen Quelle der Ermita de Nosa Senora das Neves. Dann, wir sind noch auf einer Höhe von ungefähr 250 Metern, ist das erstemal der Atlantik zu sehen. Wir schreien, wir jubeln, wir freuen uns. Wir sind nicht die einzigen, an dieser Stelle bleiben alle Pilger stehen und genießen diesen unglaublichen Augenblick und Ausblick. Auch die Landzunge von Finisterre ist schon zu erkennen. Bei der eingesäumten Cruceiro da Armada machen wir Pause. Der Abstieg beginnt, Schotterstraßen und Pfade bringen uns hinunter nach Cee. Wir finden leider kein passendes Cafe, wandern die Uferpromenade weiter nach Corcubion und mogeln uns dort durch den malerischen Ort. Ohne nach dem Weg zu fragen, hätten wir uns wohl hoffnunglos verlaufen. Versteckt führte dieser durch eine enge Gasse wieder hoch und durch einen Hohlweg weiter. In Estorde endlich ein Cafe, wir sind die einzigen Gäste, die Bedienung sieht sich scheinbar genötigt uns bewirten zu müssen, so freundlich sieht sie drein. Wir sind auch bald wieder weg, unser Mief soll sie nicht noch länger belästigen. Wir erreichen den 2 km langen Sandstrand und schleppen uns auf der gepflasterten Promenade bis zu den ersten Häusern. Im Sand, direkt am Meer entlang wäre es wohl doch schöner gewesen. Egal, auf der Straße rein in die Stadt, bis wir schließlich die Calle Real erreichen, an der sich auch die Pilgerherberge befindet. Wir biegen gerade um die Ecke, als plötzlich zwei Schatten schreiend auf uns losstürmen. Wir wissen gar nicht wie uns geschied, als uns zwei Mädchen umarmen und herzen. Es sind doch tatsächlich Dragana und Melanie, die gerade über uns gesprochen haben und dann biegen wir um die Ecke. Wieder eines dieser vielen schönen Erlebnisse auf diesem Weg. Auch wir dachten schon oft an die beiden, die wir seit dem Umweg nach Samos nicht mehr getroffen haben. Sie waren immer einen Tag voraus und sind schon gestern hier eingetroffen. Wir richten uns in einer Pension ein und das gleich für drei Nächte. In Finesterre treffen wir auf viele alte Bekannte und lernen wiederum neue Leute kennen. Manche kommen auch mit dem Bus hierher, zum Teil aus Zeitgründen, zum Teil weil es einfach reicht, der Akku in Santiago leer geworden ist. Ich gehe heute noch zum Leuchtturm hoch, Christa bleibt in der Stadt. Es überkommt mich etwas Wehmut, den herrlichen Sonnenuntergang alleine zu genießen, zu gerne hätte ich meine Freude geteilt.

08./09.09.2009 Dienstag/Mittwoch
Fisterra / Baden / Fisterra / Baden / Fisterra / Baden / Fisterra

Früh stehen wir auf um uns von Melanie und Dragana zu verabschieden, die heute wieder abreisen. In einer netten Bar wird zusammen gefrühstückt. Die E-mail Adressen hatten wir schon ausgetauscht. Jetzt, wo ich das schreibe ist Weihnachten 2009, wir haben einen Besuch vereinbart, auf den wir uns schon sehr freuen. Heute und morgen wollen wir baden und einfach mal nichts tun, als schauen, reden, denken, abschalten, faulenzen. Der Strand an der Westküste ist ein Gedicht. Weißer Sand unterhalb der Klippen, azzurblau das Wasser mit Wellen die einen umwerfen. Aber kalt, so ungefähr 2 Zentimeter. Nicht zu weit kann man sich nach draußen wagen, oder gar schwimmen. Das könnte gefährlich werden. Morgen in der anderen Bucht ist schwimmen kein Problem, dort werden wir zusätzlich noch viele, viele Muscheln suchen und finden. Delphine, Delphine, hören wir jemand rufen. Tatsächlich ziehen mehrere Delphine am Strand vorbei. Es ist aufregend, diese edlen Tiere so nah in freier Wildbahn zu erleben. Nur Christa bleibt auf ihrem Platz sitzen, alle anderen rennen ans Wasser. Und das ist gut so, einige junge Burschen die in der Nähe ihre Zelte aufgeschlagen haben, kommen den Decken mit den zurückgelassenen Wertsachen verdächtig nahe. Erst als der Beobachtungsposten auf dem Felsen laut hustet, entfernen sie sich wieder. Er hat bemerkt das zwei Leute vom Strand zurückkommen. Baden im Meer, verbrennen von Kleidungsstücken, betrachten des Sonnenuntergangs, auch wir hielten uns an dieses Ritual. Man soll danach als neuer Mensch erwachen. Direkt am Leuchtturm gibt es eine Feuerstelle, an der diverse Sachen von uns „geopfert“ wurden. Die Blicke in die Weite, auf die Küste, die untergehende rotglühende Sonne, sind einfach beeindruckend. Die Stille hier, trotz vieler Menschen tut ein übriges. Heute und auch morgen genießen wir es zusammen. Ein Marienfest ist um diese Zeit in Finesterre. Die heilige Maria wird von Hafen zu Hafen geschifft, dort unter hunderten von Böllerschüssen aus dem Wasser genommen und zur Kirche gebracht. Am dritten Tage wieder „eingeschifft“, natürlich in gleicher festlicher Art und Weise, wieder unter einem Mordsgekrache den ganzen Tag über. Am Abend dann, Livemusik mit zwei Klasse Band`s. Bis 1:30 h tanzen wir uns ab. So befreit, so locker, so gelöst, so entspannt, haben wir uns selten gefühlt. Mitten unter spanischen Tänzern und Tänzerinnen, werden wir - und auch andere - immer wieder animiert, verschiedene Schrittfolgen auszuprobieren. Glücklich und geschafft gehen wir ins Bett, die letzte Nacht in Finesterre. Übrigends, mein Seeteufel im heutigen Fischlokal war nicht zu empfehlen.

10.09.2009 Donnerstag

Fahrt nach Muxia / Besichtigung / Zurück nach Santiago

Erst dachte ich, ich sollte zu Fuß nach Muxia laufen, doch einen Tag alleine gehen, die späte Heimkehr gestern und die schweren Muscheln ließen es mich anders überlegen. Während der langen Busfahrt dorthinkamen dann doch wieder Zweifel und eine Unzufriedenheit in mir auf, es nicht doch gemacht zu haben. In Muxia angekommen suchen wir gleich eine Übernachtungsmöglichkeit, finden aber keine Pension, kein Hotel und die Pilgerherberge ist noch nicht auf. Wir sind unzufrieden, ein Kaffee, dann gehen wir zum Leuchtturm und erklimmen den Berg. Es ist schön hier, besonders die Küste mit der Brandung und den riesigen Gesteinsbrocken, aber nach knapp drei Stunden haben wir alles wesentliche gesehen und beschließen, gleich heute mit dem Bus nach Santiago zurückzufahren und dort noch eine Nacht zu bleiben. Jetzt bin ich froh nicht noch nach Muxia gelaufen zu sein. Es war schon richtig so, die Rückreise ist auf diese Art wesentlich entspannter. Alle Erlebnisse und Geschehnisse haben einen Sinn, wenn man es auch nicht immer gleich bemerkt. Manche Fragen werden aber auch sofort beantwortet. Warum denn überall Marienfeste seien, egal wo man hinkommt - in Muxia soll morgen eins beginnen –, fragten wir uns. Wir gehen um eine Straßenbiegung und sehen einen Mann auf seiner Terrasse sitzen. Dieser ehemalige deutsche Pilger hat sich hier sesshaft gemacht und erklärt uns gerne das Muxiafest und die Marienwallfahrt per Schiff. Zufall? In Santiago nächtigen wir im schon bekannten Quartier, genießen noch einmal die Kathedrale und den Platz davor und treffen noch mal auf ein paar bekannte Gesichter. In der Stadt ist es jetzt, eine knappe Woche später wesentlich ruhiger, auch in der Nacht. Bemerkenswert erscheint es uns, dass alle möglichen Leute sich auf diesen Weg machen. Ob arm ob reich, ob groß ob klein, ob jung oder alt, ob dick oder dünn, alles ist unterwegs. Die Gründe dafür können grundverschieden sein und was der einzelne daraus macht, wird immer seine eigene Sache sein. Für uns beide war es ein unwahrscheinliches Erlebnis, ob körperlich oder emotional. Auf dem Camino hat man die Zeit, seine eigene Weltanschauung neu zu überprüfen. Ohne Zeitung, ohne Fernsehen und Radio, wird man nicht überflutet von gepriesenen Waren und täglichen neuen politischen „Wahrheiten“. Man muß es aber auch zulassen können.

11./12.09.2009 Freitag/Samstag
Santiago bis 13:00 / Fahrt zum Flughafen / Abflug nach Mallorca / Abflug nach München / 14:00 Zuhause

Um 13:00 h fährt uns der Bus zum Flughafen. Der Rückflug über Mallorca ist ungleich billiger, als ein Direktflug gekostet hätte. Die Maschine in Santiago hat einen Defekt, so müssen wir bis 24:30 h warten, ehe die Maschine starten kann. Ein Abend- essen wird allen Wartenden spendiert. Die Auskünfte haben uns etwas verärgert, sie lassen alle Passagiere mit der Hoffnung auf einen baldigen Eincheck, ihre gemütlichen Ecken verlassen, um dann ewig anstehen zu können. Dann die Mitteilung, noch eine Stunde warten. In Mallorca dürfen wir von 3:00 bis 6:00 h, noch in einem Hotel schlafen und werden dann zurück zum Flughafen gebracht. Aber was viel wichtiger ist, wir kommen heil zu Hause an und sind kerngesund.

Bon Camino!

 
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